02
Aug 10

Amphi 2010

Kategorie: Amphi |

Der etwas andere Bericht zu einem anderen Festival

Von Kiesbettcamper Inge

Vom 23.07. bis zum 25.07.2010 ging das Amphi – Festival in Köln seinen Gang. Ihr, liebe Leser, seid von mir eigentlich lustige Berichte gewohnt. Doch auf diesem Festival ist mir etwas geschehen, dass ich mal versuchen möchte, in Wort zu fassen. Wird schwer genug. Der lustige Part folgt noch. Versprochen!

Kiesbetcamper Mel und ich haben uns am Freitag auf die Bahn begeben und checkten in der Domstadt ein. Ein ansässiges Park Inn Hotel hatte in Verbindung mit dem Festival ein Angebot über € 50.- pro Nacht/DZ laufen. Gebucht und gut.

Der Abend an der Hotelbar war sehr gediegen. Aber auch der Grund, weshalb wir wichtiges verpassten. Freitag fand ein Bandcontest statt. Dieser war insofern nicht unwichtig, da der Gewinner am Sa. das Festival eröffnen sollte.

Und er tat es. Auf einem noch spärlich besuchten Tanzbrunnengelände in Köln drosch die Band ZIN den Kater aus den Gehörgängen. Leider waren wir nicht vor der Bühne. Ein Fehler, den wir während des Festivals kein zweites Mal machten.

CD’s der Band waren in Windeseile vergriffen. Zum Glück hatte ich mein Handy am Mann und konnte so bei Amazon direkt nach dem Auftritt das Erstlingswerk der Truppe aus Leipzig erwerben. Blaugeschossener Volltreffer!

Und das ist wohl ein Teil der Melancholie, der mich derzeit ergriffen hat. Die Musik von ZIN lässt sich irgendwie nicht fest einordnen. Muss das auch immer geschehen? Keine Ahnung, irgendwas zwischen Stimme von Placebo, vollen Beats und Rockgitarre.

Und so war das irgendwie am ganzen Wochenende. Klar gab es auch Enttäuschungen. Da waren Welle:Erdball. Aus Unkenntnis über deren gesamtes Machwerk, doch der Begeisterung für die Stücke „Arbeit adelt“ und „Starfighter F104G“ habe ich den Besuch für dringend notwendig gehalten.

Passiert mir kein zweites Mal! Arbeit adelt haben sie nicht gespielt und der Rest des Auftritts war nicht so prickelnd. Lief vieles schief. Große Werbeluftballons drängten sich durch den Wind getragen in den Backstagebereich statt in das Publikum.

Das Gros der Lieder ist mir einfach zu primitiv. Richtig Stimmung kam jedoch auf, als eine der Hupfdohlen im 50er Jahre Outfit „Ein bischen Frieden“ anstimmte. Eiskalt wurde der prallen Nachmittagssonne dieser Schlager entgegen geworfen!

Letztlich fragt man sich nach dem Festival: Na und? Egal, „gesehen“ ist das Motto! Kaum einer verlässt gelangweilt oder genervt die Szenerie. Alle in diesem Teil des Festivalgeländes  hören zu, keiner klagt oder schmeißt mit Bierbechern.

Es ist der Respekt vor dem, was diese Band geschaffen hat in den annähernd letzten zwei Jahrzehnten. Nicht nur für ihre treuen Fans, die sich für teuer Geld in die uniformige Fankluft zwängen. Sondern auch für die Szene.

Und es ist ebenfalls der Respekt vor den Fans der Gruppe. Auch wenn die Musik keine Welle der Begeisterung um den Erdball stößt, gibt es diejenigen, die sich zu der Band hingezogen und ihr verbunden fühlen. Und genau das, dieser gegenseitige Respekt vor- und untereinander ist ein Schlüssel zu dem Wirgefühl, welches dort allenthalben zu spüren war.

Kein Auslachen des Gegenüber wegen der Aufmachung. Keine Aggressionen. Es ließ sich sehr gut Lästern auf dem Amphi. Doch irgendwann schwindet dieses Negative gegen die Bewunderung für den Aufwand, den die Menschen treiben, um so auszusehen.

Und alles ist ok! Keiner stört sich an irgendwas. Ein Teil der Besucher des Festivals sind sicher nicht die lustigsten Zeitgenossen. Lachen findet eher selten statt. Die Ernsthaftigkeit ist aber eigentlich der Sache als den Personen geschuldet. Da bin ich mir sehr sicher.

Schon am Sonnabend war nach dem Besuch weiterer Bands klar, dass ich im letzten Jahrzehnt oder noch länger einen riesigen Fehler begangen habe. Das, was dort musikalisch feilgeboten wurde, habe ich in seiner Entstehungsgeschichte nicht an mich ran gelassen.

Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als Techno hochkam, hatte ich doch einige Raver als Kumpels. Sicher, damals war vieles noch sehr eintönig. Und deshalb habe ich mich nur um des nervigen Beats wegen der Musik verschlossen. Und die Entwicklung ging voll an mir vorbei!

Seit 15 Jahren oder länger gibt es das Mera Luna, welches früher noch Zillo Festival hieß. Direkt vor den Toren der Stadt. Nicht einmal habe ich die Muße gehabt, mir dort die Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung in Form von Musik zu gönnen.

Ein Fehler, wie sich jetzt zeigt. In dieser Szene schwebt der Geist von Woodstock. Zugegeben, er ist schwarz anstatt Farbenprächtig. Doch das Miteinander ist hier so ausgeprägt, wie ich es bislang noch auf keinem Festivalgelände in der Bundesrepublik erlebt habe.

Der Sonnabendabend konnte gar nicht schöner ausklingen. Am Rhein zu stehen, den Blick auf den beleuchteten Dom zu richten und einfach zu genießen. Die Lebenszeit wahrzunehmen als Teil des Ganzen am Tanzbrunnen.

Besucher allen Alters standen und genossen die Szenerie. Wie drückte Mel es doch richtig aus? Ich könnt hier noch Stunden stehen bleiben. Korrekt! Das wäre der richtige Tag gewesen, um sich zur Krönung einen Sonnenaufgang zu gönnen.

Mitten in einer pulsierenden Metropole des Niederrheins war dort der Ruhepunkt. Das Gleichgewicht. Der Augenblick, indem Du erkennen kannst, dass es tatsächlich etwas bedeutet dabei zu sein.

Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, was gerade das bedeuten mag. Nicht mal 60 km flussabwärts hatte sich in der Wiege der Elektroszene ein Drama abgespielt. Wir erfuhren erst am Sonntag davon. Wir konnten uns wegen der widersprüchlichen Meldungen eigentlich nicht vorstellen, was dort passiert war.

Ich glaube, dass wir, die wir auf dem Festival waren, den Umfang dieser Katastrophe erst im Laufe der folgenden Woche erfassten. Die Bilder an der Rampe in Duisburg haben einen erst danach erreicht.

Und somit multiplizieren sich die Empfindungen dieses Wochenendes noch. Der krönende Abschluss dieses Festivals für uns war dann der Auftritt von VNV Nation. Der Sänger und Gründer dieser Combo ließ keinen Zweifel daran, dass er es Ernst meint mit der guten Laune.

Noch nie habe ich einen solch guten Animateur gesehen. Und zwar einen, der durch und durch Positives ausstrahlt. Dazu kam noch diese Musik. Ich fasste es so zusammen: „Manche versuchen es ihr Leben lang, jemanden zu erreichen. VNV hat es geschafft!“ Eine Erkenntnis, die ich dank Mera Luna auch früher hätte gewinnen können…

Während diese Zeilen entstehen, trullert „Prelude“ von VNV, gefangen in der Wiederholungsschleife, im Hintergrund. Bei dem Lied kann ich gar nicht anders, als an diese fantastischen Stunden zurück zu denken. Das bleibt! Und zwar für immer untrennbar mit diesem Lied verbunden.

Won’t forget these days! Bilder huschen durch meine Gehirnwandungen. Positive Flashbacks im Minutentakt. Endorphine wollen einfach nicht aufhören ein inneres Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Da ist etwas geschehen, was bislang eigentlich nur Menschen bei mir ausgelöst haben.

Stimmt genau. Keine wie auch immer geartete Musikveranstaltung hat es bisher vermocht ein solches Glücksgefühl auszulösen, von Fury’s Auftritt `94 im Offenbachs Keller mal abgesehen. Ist das der Höhepunkt nach so vielen Jahren der Musikreisen? Oder ein Anfang? Muss das eigentlich getopt werden?

Ich denke, nein. Wozu auch? Unser Naturell neigt dazu einen Vergleich anzustellen. Mir würde es schon genügen, wieder ein Teil eines solchen Universums zu sein, selbst wenn es wieder 16 Jahre dauen sollte.

Gern auch wieder in Köln.

Gern auch wieder auf dem Amphi – Festival…


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